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ich habe immer mal wieder kurze geschichten und essays geschrieben. ich möchte hier einige davon präsentieren. den beginn mach ich mit dem text "stadtgedanken", den ich schon vor einigen jahren geschrieben habe.

nicht alles, was dort steht, trifft für mich auch heute noch zu. ich habe am inhalt aber bewusst nichts geändert, auch wenn ich heute einiges anders schreiben würde.

dennoch denke ich, dass dieser text schon viel mit dem roman "die frau im glashaus" zu tun hat. darum finde ich es passend, ihn hier zu platzieren.

stadtgedanken

als ich vor etwa einem jahr in diese stadt gezogen bin, war ich eigentlich voller skepsis. bis anhin hatte es bei jedem meiner zahlreichen aufenthalte hier geregnet. seit ich hier wohne - ich kann mich eigentlich an keinen tag erinnern, an welchem es wirklich nur geregnet hätte. auch ist die stadt längst nicht so grau, wie sie das früher hat durchschimmern lassen. eigentlich ist sie voller farbkleckse.

von dieser stadt also haben schon so manche schriftsteller erzählt. ich habe gelesen und gestaunt. diese berühmten leute waren hier, wo ich jetzt gerade stehe. und auf einmal fühle ich mich in ihren büchern noch viel heimischer; weil es auch mein alltag ist, diese strassen hinauf zu gehen oder an jenen plätzen vorüber zu fahren.

ich stehe an der haltestelle. natürlich ist mir das tram wieder einmal vor der nase weggefahren. es gibt tage, da habe ich das gefühl, von den öffentlichen verkehrsmittel jeweils nur die rücklichter zu gesicht zu bekommen. warten. verlorene zeit. eigentlich ist die wartezeit jene zeit, in der man am meisten von der stadt mitbekommt. neben mir setzt sich ein älterer herr auf die bank nieder. aus den augenwinkeln sehe ich, wie er seinen schuh auszieht. er blickt traurig hinein, streicht dann mit der hand über ihn hinweg und zieht ihn wieder an. anderswo lassen sich leute hypnotisieren um dann vor publikum mit ihren schuhen zu sprechen, als ob diese ihre haustiere wären. als ich mich umschaue, merke ich, dass der mann gar nicht so alt ist.

so viele fremde gesichter um mich herum. manche sind so alltäglich, dass man sie zu kennen glaubt. manche kennt man, weil man ihnen jeden tag zur selben zeit im selben tram begegnet. da vorne sitzt die alte frau, die aussieht wie die wurzel eines baumes. jeden morgen sehe ich sie. und eines tages wird sie vielleicht plötzlich nicht mehr da sitzen. wer wird es bemerken?

ich stehe gerne ganz hinten im tram, weil ich mich manchmal kurzerhand dazu entschliesse, auszusteigen und ein stück zu fuss zu gehen. ich höre schnelle schritte: ein junger mann rennt auf das tram zu. ich halte ihm die türe offen. er bedankt sich. ich frage mich, ob er vielleicht eines tages derjenige sein wird, der mir die türe aufhält, wenn ich auf das tram zu renne. auch helfe ich nie einer frau ihren kinderwagen ins tram zu heben, ohne nicht im hinterkopf die hoffnung zu hegen, dass auch mir eines tages ein lieber mensch dabei helfen wird.

es ist nacht. das tram fährt durch die dunkelheit. eigentlich ist es noch gar nicht so spät, aber die tage sind schon wieder sehr kurz. ich steige aus. schnell überquere ich den platz. mir ist nicht ganz wohl. noch vor ein paar wochen hätte ich keinem geglaubt, der mir gesagt hätte, ich ginge hier freiwillig durch diese strasse. jetzt gehe ich jemanden besuchen, der hier wohnt. dort vorne stehen sie, die damen, die ein wenig seltsame kleidung tragen und den männern in den autos zuwinken, die langsam dahin fahren und irgendwo anhalten um mit einer der damen in der dunkelheit zu verschwinden. gekauftes glück, von kurzer dauer, nicht festhaltbar. endlich komme ich vor dem haus an, dessen eingang mit einem bläulichen licht beleuchtet wird. ich klingle, denn die haustüre ist geschlossen. während ich warte fällt mir der typ ein, der letzthin morgens hier herumspaziert ist; mit einem baseballschläger. er hat aber nicht danach ausgesehen, als ob er jemals in seinem leben baseball gespielt hätte und es machte auch nicht den anschein, als wolle er es in nächster zeit versuchen. es wird hell im flur. ein matter lichtschein fällt in den dunklen innenhof. dort klebt zusammengekauert ein mensch an der wand. wie die türe sich öffnet und der lichtstrahl direkt auf ihn fällt, sehe ich die spritze, die noch in seinem arm steckt. schnell gehe ich hinein.

ich bin auf dem weg zur arbeit. jeden tag gehe ich zur selben zeit auf den bus. beim umsteigen auf das tram ergibt sich eine wartepause; nur wenige minuten. und jeden tag kommt da der gleiche typ auf mich zu und bittet mich um münz. er scheint auch seinen geregelten tagesablauf zu haben, dass er immer genau zur selben zeit hier auftaucht. eine alte frau kramt sehr lange in ihrem portmonee herum - solange, bis der typ sich fast zum gehen wendet. da drückt sie ihm endlich ganz gönnerhaft fünfzig rappen in die hand. von mir bekommt er gar nichts.

ich spaziere dem wasser entlang. im sommer baden hier hunderte von leuten. jetzt ist es ganz still. wo ist die ausgelassenheit vom sommer geblieben? jene ausgelassenheit, die man von zahlreichen filmen her kennt, wo die leute immer lustig sind und spass machen. wo sind die menschen, die auf dächern von hochhäusern über ihre zukunft philosophieren? wo sind die freunde, die durch dick und dünn zusammenhalten? ich gehe dem wasser entlang - alleine. geniesse die stille.

ich geniesse die stille, die stille von der baustelle, die stille von den autos und den lastwagen die mit viel zu hoher geschwindigkeit an mir vorbeibrausen. ich geniesse das geplärr der kinder im tram, die immer dann zu schreien anfangen, wenn sie einen anderen fahrgast erblicken, der ein buch oder eine zeitung vor sein gesicht hält und der sich nichts sehnlichster wünscht, als ein wenig ruhe. ich habe aufgehört, ein buch bei mir zu tragen, denn die kinder finden einen überall.

ich mag den dialekt der leute in dieser stadt nicht besonders. darum hasse ich auch die ansagen über streckenblockierungen und andere behinderungen im öffentlichen verkehr. noch mehr hasse ich es, wenn im regionalradio der stadt englische Ausdrücke verwendet werden. man will sich halt international geben. die menschen scheinen nie mit dem zufrieden zu sein, was sie haben und was sie sind. immer versuchen sie, sich anders zu geben. ich finde mundart schön. es ist persönlich und klingt bei jedem anders. in der stadt hört man aber noch viele andere sprachen ausser schweizerdeutsch, deutsch und englisch. viele dieser sprachen verstehe ich überhaupt nicht. manchmal macht mir das ein wenig angst. so viele menschen, die hier leben und doch irgendwie nicht so recht hierher zu gehören scheinen. sie grenzen sich mit ihrer Sprache aus - oder wir uns mit unserer. unsere sprache: man hört sie selten laut. wir verkriechen uns, sind ruhig. wir scheinen oft nichts zu sagen zu haben.

manchmal hat einer doch etwas zu sagen. ein besoffener zum beispiel. der stolpert ins tram und beklagt sich, warum die stufen so hoch sind und dass der chauffeur gefälligst nicht so ruckartig anfahren soll. ich verkrieche mich in meiner jacke. ich hasse den leicht säuerlichen geruch, der von dem typen ausgeht. ich möchte nicht, dass er mich anspricht. feigheit? - vielleicht. ich verkrieche mich in meine jacke und bin froh, wenn das die anderen auch tun. in einer stadt kann man nicht alle probleme mit reinem gutem willen lösen.

noch einer hat was zu sagen: merlin. eigentlich handelt es sich dabei genau nicht um merlin, denn der mann hält im tram seine lustvollen reden an eben diesen zauberer, und dies am liebsten zu stosszeiten. der mann lacht über merlin und gibt ihm zu verstehen, dass wir, die menschheit, bestimmt nicht auf ihn herein fallen werden. natürlich sieht keiner hin, wenn merlin spricht. aber ich hoffe, dass sich doch manch einer gedanken darüber macht, ob er jemals dem teufel oder sonst wem ins netz geraten wird.

der trübe herbsttag wird noch ein wenig deprimierender durch die vielen autos und den lärm der nahen baustelle. unter meinen füssen knirscht es. alles ist grau, sogar das laub auf der strasse ist gräulich. in meiner kindheit - ich meine früher - schien mir das herbstlaub viel bunter. dort vorne, dort hat es einen streifen sonne. ich gehe schneller. das laub raschelt, während ich durch es hindurch husche.

richtig schön, die füsse kaum anzuheben beim gehen und das laub richtig zu durchwühlen. auch der hund hat freude daran. vielleicht sucht er einen knochen. die sonne scheint angenehm warm. das laub der bäume leuchtet kräftig in rotgelb. ich gehe zum geländer. von da kann man über die ganze stadt hinweg blicken. gross ist sie, riesig gross; selbst von hier oben noch. nachts ist sie mit tausenden von lichtern übersät. dann meint man, die pulsschläge ihres pochenden lebens noch vernehmen zu können. aber jetzt, bei tag und mit dem nebligen dunst, der sie ein wenig einhüllt, ist sie ganz still. umso grösser ist auch der genuss, hier oben der alltagshektik entflohen zu sein. aber bald schon ist es leider wieder zeit für mich, zur arbeit zu gehen. ich steige wehmütig in die bahn, die mich durch die farbenfrohe landschaft den berg hinunter bringt. die häuser mehren sich, je weiter wir fahren. auch die menschen und der verkehr. schliesslich wird es dunkel: ein tunnel. und plötzlich bin ich wieder mittendrin, mitten in der stadt. in der stadt mit all den menschen, den gefühlen, den guten und den weniger guten. wieder mitten im leben.






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